Basiswissen I

Das Ehrenamt im Wandel – Kultur und Perspektiven bürgerschaftlichen Engagements

Problemaufriss

In den letzten 15 Jahren ist in der gesellschaftspolitischen Diskussion ein neues Thema virulent geworden:Diskutiert wird der Wandel des Ehrenamtes. Ausgangspunkt sind auch hier die gesellschaftlichen Großorganisationen (Parteien, Kirchen, Gewerkschaften), denen nicht nur die Mitglieder und WählerInnen, sondern auch die Aktiven abhanden kommen. Darüber hinaus und eng damit verbunden machen Schlagworte wie „Bedeutungsverlust des Ehrenamts“ und „Verlagerung und Strukturwandel des Ehrenamts“ die Runde. Schon das Wort Ehrenamt wir zunehmend als angestaubt und altmodisch empfunden, viel lieber redet man vom bürgerschaftlichem Engagement, ein Begriff, der sich immer stärker durchzusetzen beginnt.

Gewandelt hat sich den entsprechenden Untersuchungen zu Folge vor allem die Motivation für das freiwillige Engagement und die Felder, in denen sich die Menschen engagieren.

Während früher ein je unterschiedlich ethisch oder religiös unterfütterter Dienstgedanke alsMotivation vorherrschte, während es ehedem darum ging, für andere Menschen etwas zu tun und selbstloses Handeln, Ehre und Aufopferung im Zentrum standen, werden heute für das Engagement stärker individualistische Gründe angegeben. Im Freiwilligen- Survey der Bundesregierung werden folgerichtig als Motive für das Engagement genannt:

  • Man möchte, dass das Engagement Spaß bringt.
  • Man möchte mit sympathischen Menschen zusammen kommen.
  • Man möchte die eigenen Kenntnisse und Erfahrungen erweitern.
  • Man möchte anderenMenschen helfen.

Fasst man die zentralen Erwartungen und Motive aus vorliegenden wissenschaftlichen Studien zusammen, dann lassen sich folgende übergreifende Aspekte herausgreifen:

  • Entwicklungsbezogene Aspekte (Selbstverwirklichung)
  • Gestaltungsorientierte Aspekte (aktive Partizipation und Mitbestimmung)
  • Freizeitbezogene Aspekte (Kommunikation und soziale Integration)
  • Problemorientierte Aspekte (Bewältigung eigener Probleme und gesellschaftlicher Missstände) und erst dann
  • Altruistische Aspekte (Pflichterfüllung und Gemeinwohlorientierung)

Neben der Motivation für das Ehrenamt haben sich auch die typischen Felder für das Engagement von Männern und Frauen verändert. Schließlich ändern sich – wie oben bereits angedeutet – die Felder des Engagements. Die „alten“, „klassischen“ Bereiche des Ehrenamts, wie z.B. Kirchen, Parteien, Gewerkschaften, Wohlfahrtverbände und bürgerliche Vereine verlieren Zulauf. Bürgerschaftliches Engagement entwickelt sich zunehmend in Bürgergruppen, Projekten, selbstorganisierten Gruppen, Tausch- und Kooperationsringen sowie in Initiativen. Vieles davon ist nicht auf Dauer angelegt, sondern folgt bestimmten, fest umrissenen Zielen. Sind diese erfüllt oder aussichtslos geworden, löst sich das Engagement auch wieder auf.

Gleichzeitig erfordern die neuen Felder des Engagements auch neue Formen, andere Arbeitsweisen, Kooperationsstrukturen, Gruppenprozesse und (Selbst) Darstellungsformate. Dies hat zur Folge, dass zunehmend auch die Frage nach „Weiterbildung“ und „Qualifizierung“ für das bürgerschaftliche Engagement drängend wird.

Neben den beschriebenen Veränderungen kommen zwei weitere Punkte hinzu: Zum einen wird die Frage nach den Feldern von bürgerschaftlichem Engagement und „freiwilliger Arbeit“ zunehmend auch im Zusammenhang mit der Diskussion über die Rolle und die Aufgaben des Staates gestellt. Und zwar wird gefragt:Welche Aufgaben für das Gemeinwesen auch durch Engagement der Bürger und Bürgerinnen übernommen werden können, was also nicht mehr als staatliche Aufgabe wahrgenommen werden muss.

Zum anderen wird die Debatte auch unter Einbeziehung des demographischen Wandels geführt. Hier kommen ganz speziell die älteren MitbürgerInnen in den Blick. Höhere Lebenserwartung, „gesünderes“ Altern (für viele Menschen) und massive Frühverrentung bestimmter Alterskohorten, lassen es möglich, ja sogar notwendig erscheinen, den (ungleich längeren) nachberuflichen Lebensabschnitt aktiver zu gestalten und in diesem Kontext spielt das Ehrenamt bzw. das bürgerschaftliche Engagement eine zentrale Rolle. Das Gleiche gilt für Qualifizierung und Weiterbildung, die seit Jahren (auf dem Papier mehr als in der Wirklichkeit) unter dem Aspekt des lebenslangen Lernens intensiv diskutiert werden.

Schließlich spielt in unserer „Aufmerksamkeitsgesellschaft“ zu Recht eine größere Rolle, was für das Ehrenamt früherer Zeiten noch eher am Rande lag. Menschen, die sich heute bürgerschaftlich engagieren, wollen daran nicht verdienen, sie wollen ihre Leistung aber wenigstens symbolisch honoriert bekommen. Für die Aufrechterhaltung ihrer Motivation und damit für die Schlagkraft und Dauerhaftigkeit der bürgerschaftlichen Organisationen ist es geradezu ein Erfordernis, dass sie eine Anerkennungskultur entwickeln, die diesen Namen auch verdient.

Die oben genannten gesellschaftlichen, politischen oder kulturellen Entwicklungen und Bedingungen können die Einzelnen animieren, sich bürgerschaftlich bzw. in einem Ehrenamt zu engagieren. Ob er oder sie es aber wirklich tun, hängt entscheidend von den individuellen Voraussetzungen und Erfahrungen ab und hier ist – sicher neben der Situation zu Hause und im Wohnumfeld – der Bildungsgrad noch immer ein entscheidendes Kriterium. Allen Untersuchungen zu Folge ist Engagement mehrheitlich bei bestimmten Zielgruppen mit hohen Bildungsabschlüssen anzutreffen. Die Enquete Kommission „Zukunft des bürgerschaftlichen Engagements“ fordert deshalb die gesellschaftlichen Großorganisationen zu Recht auf, stärker als bisher, vor allem auch bildungsfernere Gruppen beispielsweise ältere Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen sowie Arbeitslose in die ehrenamtliche Arbeit mit ein zu beziehen.

 
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Ziele

Zielperspektive des Moduls ist es, mit den Teilnehmenden zu thematisieren, unter welchen gesellschaftspolitischen Rahmenbedingungen bürgerschaftliches Engagement stattfindet. In diesem Kontext ist es Ziel, die individuelle Bereitschaft zum Engagement zu reflektieren.

Es werden Möglichkeiten und Chancen des bürgerschaftlichen Engagements vorgestellt. Die Teilnehmenden sollen sich ein Bild von der Dynamik und den Veränderungen auf diesem Gebiet machen können und dabei in einem ersten Zugriff Strukturen, Inhalte und Regeln der ehrenamtlichen bzw. bürgerschaftlichen Arbeit kennen lernen.

Dabei werden ganz bewusst die vorhandenen Vorerfahrungen aus der Freiwilligenpraxis sehr konkret mit einbezogen. Das reicht von den Ebenen des eigenen Handelns von Teilnehmenden über erlebte Mechanismen des Umgangs miteinander/ untereinander bis zu möglichen Handlungsfeldern bürgerschaftlichen Engagements. Die Beschäftigung mit möglichen Formen und Wirkungen von Öffentlichkeits- und Lobbyarbeit wird ebenfalls nicht außen vor gelassen und soll helfen, darüber zu reflektieren, wie mögliche Interessenten anzusprechen und zu motivieren sind und wie man sie bei der Wahl des für sie geeigneten Handlungsfeldes unterstützen kann.

Dieses komplexe und an positiven Erfahrungen orientierte Herangehen soll dazu beitragen, über Weiterbildung und Qualifizierung besser und rationaler über die Möglichkeiten und Grenzen des bürgerschaftlichen Engagements aufgeklärt zu werden und sich über den eigenen Willen zur Partizipation besser im Klaren zu werden.

Inhaltliche Schwerpunkte:

  • Veränderungen im Ehrenamt und bei den Ehrenamtlichen
  • Gesellschaftspolitische Dimension des Engagements
  • Rahmenbedingungen für bürgerschaftliche Engagement
  • Individuelle Motive und Voraussetzungen
  • Anerkennungskultur und engagementfördernde Strukturen
  • Networking und Kooperation
  • Engagement und Bildung

 
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Didaktischer Kommentar

Bei diesemModul kommt es entscheidend darauf an, den allgemeinen Überblick über den „Kulturwandel“ des Ehrenamtes hin zum bürgerschaftlichen Engagement didaktisch– methodisch so anzulegen, dass es den Teilnehmenden gelingt, dasDiskutierte mit ihren eigenen Erfahrungen und Erwartungen „kurz zu schließen“.

Ein erfahrungsorientierter Ansatz ist von daher vonnöten – und das sowohl bei bereits Aktiven als auch bei den Personengruppen, die noch keine Vorerfahrungen gesammelt haben.

Die Erfahrungs- und Erwartungsebene ist somit der Ansatzpunkt für die Beschäftigung mit den Bedingungen (Veränderungen, Erweiterungen etc.) des bürgerschaftlichen Engagements heute. Damit verbunden ist ein Selbstklärungsprozess bei den Teilnehmenden, ob und in welchem Ausmaß das bürgerschaftliche Engagement ihre Sache ist.

Einzelne thematische Punkte wie Anerkennungskultur, Weiterbildung, Engagement fördernde Strukturen etc. sollten ebenfalls im Spannungsbogen von individueller Erfahrung und allgemeinen Entwicklungen bearbeitet werden.

 
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Reflektierte Erfahrungen

Die Projektpraxis hat gezeigt, dass dieses Modul gewissermaßen als „Türöffner“ eine wichtige Funktion einnimmt. Im Gesamtkontext der Module sind hier bewusst Elemente für einen Selbstklärungsprozess intendiert.

Im Zusammenhang mit der Auseinandersetzung über die Veränderungsprozesse im Ehrenamt wird außerdem, z.T. erstmalig wahrgenommen, welche Vielfalt an Angeboten es in diesem Feld gibt und dass jede/jeder Einzelne sich ganz konkret entscheiden kann, bei welchem Trägern, in welcher Gruppe etc. er/ sie sich engagieren möchte. Für die Teilnehmenden, die bereits Vorerfahrungen haben, öffnet sich schließlich der Blick für Fragen von Vernetzung und Kooperation.

 
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Basiswissen: Ehrenamt im Wandel

ABC des bürgerschaftlichen Engagements

A ller Anfang ist schwer
B ildung ist für alle wichtig
C hancen nutzen und verwirklichen
D emokratie ist erlernbar
E insamkeit macht krank
F ür andere da sein ist unsere Devise
G emeinsam sind wir stark
H abt einfach Mut, anzufangen
I mmer optimistisch sein
J eder kann Gutes tun
K einer ist zu alt, um mitzuhelfen
L ieber gemeinsam statt einsam
M it Musik geht alles besser
N eues Wissen erwerben
O rganisation und Durchführung
P rioritäten setzen
Q ualitätsstandard sichern
R uhestandszeit beleben
S enioren aktivieren
T eamgeist entwickeln und fördern
U nterstützung in besonderen Lebenslagen
V erantwortung übernehmen
W eiterbildung in Anspruch nehmen
Z eit für mich, Zeit für Andere
A ktivitäten entwickeln und bündeln
B rücken bauen

Materialien und methodische Beispiele

Das ABC des Ehrenamtes

Titel: Aus freien Stücken aktiv werden

Ziel: Begriffe und Eigenschaften zu ehrenamtlicher Tätigkeit finden

Methode: Flip-Chart-Karussell, Gesprächskreis Dauer: 1,5 – 2 Stunden

Beschreibung:

  • Es gibt 4 Flip-Charts, die im Raum verteilt sind Auf jeder Flip-Chart-Seite ist das ABC vertikal vorgegeben
  • Die TeilnehmerInnen gehen im Kreis und schreiben zu jedem Buchstaben ein Stichwort/ eine Eigenschaft, das ihnen zum Thema Ehrenamt einfällt. Es entstehen 4 „ABC‘s“ des Ehrenamtes
  • Plenum zu der Frage: Welche Motive bewegen mich, mich ehrenamtlich zu betätigen?

 
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Basiswissen: Ehrenamt im Wandel

Materialien und methodische Beispiele

Ehrenamt im Wandel

Titel: Veränderungen wahrnehmen

Ziel: Den Unterschied zwischen Ehrenamt früher und heute herausarbeiten

Methode: Gruppenarbeit, Wandzeitung, Plenum

Dauer: 2,5 Stunden

Beschreibung:

  • Bildung von 2 Gruppen zu den Fragen:
    1.) Was hat früher Menschen bewegt, sich zu engagieren?
    2.) Was bewegt Menschen heute, sich zu engagieren?
  • Kreisgespräch zu der Frage (Plenum): Welche zentralen Unterschiede gibt es?
  • Moderation dokumentiert Ergebnisse auf einer Wandzeitung

 
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Basiswissen: Ehrenamt im Wandel

  • Zeitbudget der Freiwilligen
  • Akzeptanz in der Gesellschaft
  • Selbstbestimmung beim Engagement
  • Erstattung von Aufwendungen (Fahrt/Telefon)
  • Öffentliche Anerkennungskultur
  • Zugangsvoraussetzungen
  • Gutes Trägerklima für die HA + EA
  • Vorhandene Weiterbildungsangebote
  • Wohnortnahe Realisierung
  • Zumutbarkeit der Bedingungen für das Engagement
  • Vereinbarkeit mit anderen Rollen (Familie)
  • Versicherungsschutz
  • Klarheit der Tätigkeit
  • Selbstbestimmung des Zeitrahmens
  • Keine Konkurrenz zu Jobs
  • Inhaltliche Selbstbegrenzung
  • Interessante Aufgaben mit Spaßanteil

Materialien und methodische Beispiele

Rahmenbedingungen für ein gelungenes Engagement

Titel: Erfahrung ist gefragt

Ziel: Erkennen, welche Rahmenbedingungen erfüllt sein müssen, damit Ehrenamt sich produktiv entwickeln kann

Methode: Interview, 2 Gruppen

Dauer: 2 Stunden

Beschreibung

  1. Gruppe: Interessierte befragen „alte Engagementhasen“ – Was muss gegeben sein, damit sich Engagement positiv entwickelt?
  2. Gruppe: dokumentiert die Ergebnisse
  3. Die Ergebnisse werden mit der Checkliste verglichen, ergänzt und diskutiert

 
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Basiswissen: Ehrenamt im Wandel

Zertifikatsvergabe während der Transfertagung

Führung durch das Bremer Rathaus mit Dr. Henning Scherf

Materialien und methodische Beispiele

Anerkennungskultur

Titel: Wir wollen wahrgenommen werden!

Ziel: Formen der Anerkennung erarbeiten und über die persönliche Bedeutung von Anerkennung reflektieren

Methode: Kleingruppen, Partnerarbeit, Gesprächsrunde

Dauer: ½ Tag

Beschreibung:

  • Partnerarbeit zu den Fragen:
    • Welche Formen der Anerkennung meiner Arbeit wünsche ich mir?
    • Welche Anerkennungsmöglichkeit gibt es in der Organisation etc. bereits?
  • Vorstellung der Ergebnisse im Plenum
  • Hauptunterschiede gibt es zwischen persönlichen Wünschen und vorhandenen Anerkennungsformen?
  • Sammlung der Kernpunkte auf einer Wandzeitung
  • Partnerarbeit:
  • Was können wir tun, damit unsere Wünsche umgesetzt werden können?
  • Vorstellung im Plenum: Überlegungen, wie konkrete Umsetzungsschritte aussehen können

MoQua Basiswissen 1 als PDF herunterladen

 
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