Basiswissen II

Demografischer Wandel – Eine veränderte Kultur des Alters

Problemaufriss

Es liegt kaum zehn Jahre zurück, da war Altern und die alternde Gesellschaft für Viele noch ein Thema, für das sich allenfalls Versicherungsarithmetiker und Arzneimittelhersteller interessierten. Heute ist das Thema in allerMunde. Kaum eine politische Analyse oder ein journalistischer Beitrag zur Lage der Nation verzichtet auf den Hinweis, dass unsere Gesellschaft ein demografisches Problem hat.

Gegenwärtig ist etwa jeder fünfte Deutsche über 60 Jahre alt. In den nächsten 25 Jahren wird jeder Dritte über 60 Jahre alt sein. Bis zum Jahr 2050, so die begründete Annahme, wird die Gesamtbevölkerung um gut sieben Millionen Menschen schrumpfen. Vor dem Hintergrund des diagnostizierten Geburtenrückgangs bei einem gleichzeitigen Anstieg der durchschnittlichen Lebenserwartung, so scheint es, werden „die Alten“ vielerorts als Bedrohung und Last angesehen, vor allem als Belastung der Sozialsysteme, deren Um- oder genauer Rückbau von vielen Meinungsmachern als unumgänglich dargestellt wird.

Dass es kausale Beziehungen zwischen der Alterung der Gesellschaft und neuen Anforderungen an die Sozialsysteme gibt und dass der demografische Wandel eine politische und soziale Herausforderung darstellt, ist unbestreitbar. Bei der vorherrschenden einseitig ökonomistischen Interpretation dieses Wandels gerät allerdings schnell in Vergessenheit, dass er auch unter ganz anderen Aspekten diskutiert und bewertet werden kann.

Alte werden heute nicht nur älter, sie bleiben auch länger gesund, vital und kulturell ansprechbar. Entsprechend bildet die Lebensphase nach dem Ende der Erwerbsarbeit einen Lebensabschnitt mit eigener Qualität, die es individuell wie gesellschaftlich zu gestalten (und nicht nur zu verwalten) gilt. Die vorzeitige Entberuflichung all zu vieler älterer ArbeitnehmerInnen, die Feminisierung und die Singularisierung des Alters sind neben der Problematik einer perspektivisch steigenden Altersarmut und der „Hochaltrigkeit“ nur einige der Aufgaben die gesellschaftlich und politisch gelöst werden müssen.

Besonders auch auf der individuellen Ebene gilt es einiges zu meistern. Der meistens abrupte Übergang in den Ruhestand geht normalerweise einher mit Verlusten bestimmter Rollen und Aufgaben. Der Blick auf die gewonnene ‚Freiheit’ wird nicht selten getrübt durch den Verlust an sozialem Prestige.

Da bietet die Neuentdeckung der Senioren als Konsumenten, begleitet von den Leitbildern der „jungen- oder neuen Alten“ nur vordergründig Halt. Die darauf bezogenen meist idealisierten und stilisierten Zuweisungen im Hochglanz-Format mögen vielleicht in den Bereichen der Werbung, der Mode und der Medien funktionieren und von einer Minderheit von älteren Begüterten auch dankbar aufgenommen werden. An den Interessen, Bedürfnissen und Einkommensverhältnissen der ganz überwiegenden Mehrheit der älteren Bevölkerung gehen sie komplett vorbei. Sie sind keineOrientierung für den Alltag und bieten keine realistischen Partizipationschancen. Angesichts der Tatsache, dass nicht wenige Menschen heute ein Drittel ihrer Lebenszeit nach Beendigung ihrer Berufsphase verbringen, bekommt schon der Begriff „Ruhestand“ etwas fragwürdiges, denn die von Berufszwängen befreite Zeit muss auch neu belebt werden. Insofern gewinnt der Begriff der „nachberuflichen Lebensphase“ zunehmend an Bedeutung. Der Duft des „süßen Nichtstuns“ ist an dieser Stelle schnell verflogen und Hobbys oder ähnliches sind kaum geeignet die Fülle der freien Zeit zu gestalten, noch gar die soziale Integrationskraft der beruflichen Arbeit zu ersetzen.

Ehrenamtliche Arbeit und bürgerschaftliches Engagement bieten hier weitaus größere Möglichkeiten, auf freiwilliger Basis erworbene Kompetenzen und Erfahrungen einzusetzen, weiter zu entwickeln und dabei sozial gebraucht und anerkannt zu bleiben. Beides hat darüber hinaus den Vorteil, dem Gemeinwohl zu dienen und damit gesellschaftlichen Bedürfnissen zu entsprechen, die nachgefragt sind.

 
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Ziele

Ziel dieses Moduls ist es, das „Doppelgesicht“ des demographischen Wandels zu erkennen, zu verstehen und die damit verbundenen Probleme und Herausforderungen, aber auch die Chancen und Möglichkeiten für die Gesellschaft und den Einzelnen zu reflektieren. Besonders deutlich soll dabei herausgearbeitet werden:

  1. dass es „die Alten“ als pauschales Zuordnungskriterium nicht gibt, sondern dass es sich bei dem großen Bevölkerungsanteil älterer Menschen vielmehr um eine sehr heterogene Zielgruppe mit unterschiedlichen Interessen, Bedürfnissen und Vorerfahrungen handelt,
  2. dass der Wandel von Altersleitbildern und fixierte Rollenzuweisungen des Alters gesellschaftlich und zeitbezogen determiniert sind. Alter und Altern im Spannungsfeld von Selbst- und Fremdwahrnehmung sollen dabei den Blick für eine kritische Betrachtung des gesellschaftlichen Prozesses schärfen und auch für die individuelle Lebensgestaltung Orientierung geben,
  3. dass im Medium der Weiterbildung, curricular anknüpfend an die Leitbildreflexion (Defizite bzw. Stärken des Alters), die Kompetenzen und Ressourcen des Alters erkannt und Alter auch als Gewinn für die individuelle und gesellschaftliche Entwicklung begriffen werden kann,
  4. dass im Wege des gemeinsamen Lernens die verschiedenen Rollenoptionen Älterer klargestellt und in Hinblick auf die eigenen Möglichkeiten (Interessen, Bedürfnisse) reflektiert werden können, 5. dass die ehrenamtliche Arbeit Möglichkeiten und Chancen bietet, das gemeinsam Gelernte in sinnvolle Handlungsoptionen zu überführen.

 
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Inhaltliche Schwerpunkte

Mit den im folgenden aufgezählten Inhalten (in Stichworten) vermittelt dieses Modul ein kritisches, aber doch auch optimistisches Altersbild:

  • Demografische Prozesse in der Gesellschaft
  • Kohorten Älterer
  • Altersleitbilder
  • Kompetenzen und Ressourcen des Alters
  • Emanzipation des Alters
  • Arbeitswertbegriff und ehrenamtliche Arbeit

Didaktischer Kommentar

„Wenn wirklich gelernt wird, dann hemmt das Alter weder das Lernen noch den Intelligenz- Zuwachs.“ (Sebastian Leitner)
Ausgehend von dieser Maßgabe setzt das vorliegende Modul bei den vorhandenen Kompetenzen und nicht zuletzt bei den biografischen Erfahrungen der Teilnehmenden an.Die Spuren ihrer Sozialisation, ihrer je individuellen Erfahrungen in jeweils unterschiedlichen Lebensphasen sowie ihre politischen, sozialen und kulturellen Prägungen sind zentrale Anknüpfungspunkte der Bildungsarbeit. Wechselvolle Jahrzehnte mit Übergängen, Umbrüchen in der Staats- und Gesellschaftsform( z.B. der ehemaligen DDR), mit tiefgreifenden Veränderungen der gesellschaftlichen Institutionen, der sozialen Beziehungen und dem konkreten persönlichen Umfeld bilden den Erfahrungshintergrund, auf der Realität wahrgenommen, verarbeitet wird und gewissermaßen zur Geschichtserfahrung wurde. Eine eigene Geschichte der Sinnproduktion liegt vor, an die reflexiv mit verschiedenen methodischen Zugängen anzuknüpfen ist.

Dazu gehören natürlich auch ästhetische Erfahrungen mit literarischen Produkten, dazu gehören Liedgut, Bilder, Filme etc. Die Anknüpfung auch an diese Erfahrungen der TeilnehmerInnen bietet noch einmal besondere Lernzugänge, die nicht nur „kopfgesteuert“, d.h. kognitiv dominiert sind. Nicht von ungefähr wird die Bedeutung der Visualisierung in der teilnehmerorientierten Bildungsarbeit großgeschrieben. Die kreative und reflexive Arbeit mit Bildern, Zeichen und Symbolen bietet die Chance, Empfindungen und Gefühle der TeilnehmerInnen anzusprechen, ohne ihre Ratio zu vernachlässigen.

 
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Reflektierte Erfahrungen

ImvorliegendenModul ist dieses Anknüpfen an ästhetische Erfahrungen auch von der Sache her notwendig, da es sich im Schwerpunkt mit dem „Wandel von Altersleitbildern", also mit der Bedeutung von zeichenhaften bzw. symbolischen Bildern beschäftigt, hinter denen (in unserem Kopf ) auch immer reale Bilder stehen.

Dazu gehört auch das Klischee, dass Menschen im Alter nicht oder nur noch wenig dazu lernen. Erst die kritischrationale Beschäftigung mit diesem Klischee und seine Überwindung auch im Selbstbild der Teilnehmenden machten den Weg frei zur Nutzung ihrer Potenziale und zur Erweiterung ihrer Rollen- und Handlungsoptionen. Deshalb ist der erfolgreiche Einsatz diesesModuls eine notwendige Gelingensbedingung für das Gesamtprojekt.

Basiswissen II

Basiswissen: Kultur des Alters

Demografie als Bevölkerungswissenschaft

... beschreibt ganz allgemein die altersmäßige Zusammensetzung, die Altersgliederung einer Gesellschaft und in Bezug auf den Begriff demo- grafischer Wandel beschreibt sie die „Veränderungen der strukturellen Merkmale einer Bevölkerung innerhalb eines zeitlichen Verlaufs" (Hoffmann). Zu den strukturellen Merkmalen gehören: „das chronologische Alter der die Bevölkerung konstituierenden Personen, ihr Geschlecht, ihr Familienstand, die Staatszugehörigkeit und die regionale Verteilung der Bevölkerung“.

Die Altersverteilung einer Region wird in diesem Kontext bestimmt durch das Geburtenniveau, die Lebenserwartung und das Verhältnis von Ein- und Auswanderungen als demografische Größen. Dabei wird der Begriff des „Alterns“ im bevölkerungs- wissenschaftlichen Sinne benutzt „als die Abbildung einer Entwicklung, die beim Vergleich zeitlich verschiedener Zustände der Altersstruktur einer Bevölkerung eine Verschiebung zu Gunsten des Anteils der älteren und alten Bevölkerungsgruppen nachweist. Er benennt demnach einen Strom oder Prozess, jedoch keinen Zustand“.

E. Hoffmann in: Gerontologie und Sozialpolitik, Stuttgart 2002

Materialien und methodische Beispiele

Demografie

Titel: Die Macht der Begriffe:

Ziel: Sich mit dem Begriff der Demografie auseinander setzen:

Methode: Assoziationskette, PartnerInnenarbeit, Metaplankarten:

Dauer: 1,5 Stunden:

Beschreibung:

  • Großgruppe bildet Assoziationskette zum Begriff Demografie
  • Anschließend Input-Text mit der Frage: Was ist Demografie?
  • Aufgabe: Text in eigenen Worten wiedergeben und stichwortartig festhalten
  • Im Plenum beginnt eine Gruppe mit der Präsentation, die anderen ergänzen die Punkte, die noch fehlen

 
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Basiswissen: Kultur des Alters

Materialien und methodische Beispiele

Demografie und ihre Darstellung in der Öffentlichkeit

Titel: Schreckgespenst Demografie

Ziel: Erkennen, wie mit dem Begriff der Demografie Stimmung gemacht wird

Methode: Impulsbilder Overhead, „Das 2er Gespräch“, Blitzlicht

Dauer: 1 Stunde

Beschreibung:

  • Input der Moderation durch die Folien
  • Anschließend vertreten 2 TeilnehmerInnen überspitzt die beiden Positionen:
    1. Die graue Revolution erschlägt uns!
    2. Pluspunkt Lebenserfahrung und Bereicherung für alle!
  • Blitzlicht im Anschluss:Welche Argumente haben mich überzeugt?

 
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Basiswissen: Kultur des Alters

Materialien und methodische Beispiele

Differenzierte Alterslebenslagen

Titel: Vom (Un-) Ruhestand

Ziel: Erkennen, dass mit der nachberuflichen Phase heterogene Interessen und Vorstellungen verbunden sind

Methode: Collagen aus Bildern und Texten, Kleingruppen, Wandzeitung

Dauer: 1,5 Stunden

Beschreibung:

  • Jede Kleingruppe erstellt eine Collage: Zum Thema „Wie gestalten wir unsere nachberufliche Phase?“
  • Anschließend: Präsentation im Plenum
  • Rundgespräch zu der Frage: „Wo liegen Gemeinsamkeiten bzw. Unterschiede?“
  • Moderation dokumentiert die Ergebnisse auf der Wandzeitung

Basiswissen: Kultur des Alters

Zunehmend Gleichbleibend Abnehmend
Lebens- und Berufserfahrung, betriebs- spezifisches Wissen Leistungs- und Zielorientierung Körperliche Leistungsfähigkeit (Hören, Sehen, Muskelkraft)
Urteilsfähigkeit Systemdenken Geistige Beweglichkeit
Zuverlässigkeit Kreativität Geschwindigkeit der Informationsaufnahme/ -verarbeitung
Qualitätsbewusstsein Entscheidungs- fähigkeit Kurzzeitgedächtnis
Konfliktfähigkeit  
Pflicht- und Verantwortungs- bewusstsein  
Angst vor Veränderungen  

Quelle: nach Bruggmann, M.; Die Erfahrung älterer Mitarbeiter als Ressource, Wiesbaden 2000

 
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Materialien und methodische Beispiele

Potenziale des Alters

Titel: Veränderungen wahrnehmen

Ziel: Veränderungen der Leistungsmerkmale im Alter kennen und Potenziale des Alters erkennen

Methode: Kleingruppen, Input

Dauer: 2,5 Stunden

Beschreibung:

  • Die Teilnehmenden arbeiten in Kleingruppen ausgehend von ihren persönlichen Erfahrungen zu den Fragen: Welche Fähigkeiten haben im Laufe meines Lebens zugenommen? Welche Fähigkeiten haben eher nachgelassen?
  • Vorstellung der Ergebnisse im Plenum
  • Festhalten der zentralen Punkte auf einer Matrix
  • Input: Wissenschaftliche Erkenntnisse zur Veränderung der Leistungsmerkmale im Alter (Folie)
  • Gesprächsrunde: Inwiefern stimmen meine persönlichen Erfahrungen und die wissenschaftlichen Erkenntnisse überein?

 
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Basiswissen: Kultur des Alters

Materialien und methodische Beispiele

Altersbilder

Titel: Vielfalt und Unterschiedlichkeit des Alters

Ziel: Heterogene und komplexe Altersbilder und –rollen erkennen

Methode: Persönliche Einstimmung, Folien-Präsentation, Partner-Interview, Plenum

Dauer: 1,5 bis 2 Stunden

Beschreibung:

  • Zweier-Paare finden sich zusammen und beantworten sich gegenseitig folgende Fragen:
    1. Welche der vorliegenden Bilder sprechen Sie besonders an? (Bitte maximal 3 Bilder auswählen) und was verbinden Sie damit?
    2. Welche der vorliegenden Bilder wirken eher abstoßend auf Sie. (Auch hier bitte maximal 3 Bilder auswählen) Was verbinden Sie damit?
    3. Welche Erwartungen und Hoffnungen verbinden Sie mit ihrem eigenen „älter werden“? Bitte schriftlich dokumentieren (Maximal 5 Moderationskarten)
  • Anschließend werden die Ergebnisse von Frage Nummer 3 auf Metaplan im Plenum präsentiert: Die InterviewerIn trägt die Punkte des Interviewten vor

 
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Basiswissen: Kultur des Alters

Materialien und methodische Beispiele

Veränderungsprozesse in der alternden Gesellschaft

Titel: Überblick zu den Merkmalen des demografischen Wandels

Ziel: Merkmale demografischer eigener Erfahrungen mit wissenschaftlichen Erkenntnissen vergleichen

Methode: Gesprächskreis und Visualisierung der zentralen Ergebnisse

Dauer: 1 Stunde

Beschreibung:

  • Welche Veränderungen nehmen wir bzgl. der alternden Gesellschaft wahr?
  • TeilnehmerInnen bringen ihre bereits gewonnenen Erkenntnisse ein
  • Moderation dokumentiert die wesentlichen Stichpunkte
  • und entwickelt daraus das Schaubild und stellt den Zusammenhang zu den wissenschaftlichen Erkenntnissen her

MoQua Basiswissen 2 als PDF herunterladen

 
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