Praxisfelder des bürgerschaftlichen Engagements IV

Politisches Theater. Wie die Lage älterer Menschen kreativ ins öffentliche Licht gerückt wird

In Bremerhaven gibt es eine gewerkschaftliche Arbeitsloseninitiative, deren Mitglieder – Frauen und Männer im Alter zwischen 40 und 55 Jahren – nicht resigniert haben, sondern im Gegenteil gesellschaftlich aktiv und damit sichtbar bleiben wollen. Auf Grund der Lage am Arbeitsmarkt sind allerdings ihre Chancen auf Erwerbsarbeit denkbar gering. Dementsprechend erleben sie hautnah den Druck der Dauerarbeitslosigkeit, erleben die eingeschränkten ökonomischen Möglichkeiten, die schleichend absinkende Wertschätzung durch Nachbarn, Freunde und Gesellschaft, erleben die damit einhergehende Resignation und das sinkende Selbstwertgefühl.

Die Frauen und Männer aus Bremerhaven machen aus ihrer Not eine Tugend: Sie entschließen sich, mit ihrem Anliegen in die Öffentlichkeit zu gehen, ihre Situation auch anderen deutlich zu machen: Sie inszenieren kleinere Theaterstücke, in denen sie selber spielen und die immer auch Botschaften vermitteln.

Inhaltliche Schwerpunkte

Ziel der Gruppe ist es, professionelle Theater- und Kabarettstücke zu erarbeiten, und so ihre Anliegen und Ideen in eine bühnengeeignete Form umzusetzen, ohne dabei einem Betroffenheitskult anzuhängen. Ein professioneller Theatermacher begleitet die Gruppe bei der Umsetzung, vermittelt ihr geeignete Techniken und übt mit ihnen, ihre darstellerischen Fertigkeiten zu schulen. Ansatzpunkt der Qualifizierung ist der pädagogisch-emanzipatorische Theateransatz Augusto Boals; Mitte der 80er Jahre zeigte Boal damit soziale und politische Missstände in Südamerika auf. Bekannt unter dem Namen „Theater der Befreiung“ zielt dieser Ansatz von vornherein auf eine kreative Einbeziehung des Publikums als „Mitspieler“. Fragen, Hinweise und lebhafte Diskussionen nach (oder schon während) der Aufführung sind ausdrücklich erwünscht (siehe auch www.wikipedia.org/wiki/Augusto_Boal.)

Dieser interaktive Prozess geht über das klassischerweise eher passive Theatererleben weit hinaus und ist für die Situation der Gruppenmitglieder bestens geeignet, die eigene Lebenslage kreativ auszudrücken und zum Gegenstand öffentlicher Darstellung zu machen. Im Rahmen des auf diese Weise entstehenden Aktionstheaters entwickeln die Gruppe:

  • kleine Stückideen,
  • die ohne große Requisite aufgeführt werden können,
  • dies unter verschiedenen räumlichen Gegebenheiten (Straßentheater, Betriebsaufführungen, Theatersäle),
  • und mit Rollen, die wechselseitig besetzt werden können. Zunächst tritt die Gruppe mit drei Standardstücken auf:
  • einer umgearbeiteten Fassung der „Bremer Stadtmusikanten“,
  • einer kabarettistischenModenschau mit dem Titel: „Sack und Asche“,
  • und einer kabarettistischen Szenenfolge mit dem Titel: „Das Arbeitslos“.

Didaktischer Kommentar

Diese drei Stücke werden nach den Aufführungen und dem anschließenden Dialog mit dem Publikum immer wieder überarbeitet, gekürzt, erweitert oder in ihren Botschaften modifiziert. Die Gruppe tut das so erfolgreich, dass sie bald überregional bekannt wird. Nach einem Radio- Interview über das Projekt gibt es verstärkt Anfragen und Einladungen von Betrieben und Kulturinitiativen aus dem gesamten Bundesgebiet. Inzwischen ist die Gruppe mit ihrem Programm auf Tournee.

Dementsprechend gilt es neue Aufgaben zu bewältigen: Die Auftritte müssen zeitlich und logistisch koordiniert werden, Akquise und Öffentlichkeitsarbeit kommen hinzu. DieMitglieder der Gruppe organisieren dies mittlerweile in Eigeninitiative, ohne Begleitung und ohne feste institutionelle Anbindung.

Ihr Engagement ist so überzeugend, dass sich zunehmend auch neueMitglieder für die Gruppe interessieren, die aufgenommen und von den „alten Hasen“ entsprechend qualifiziert eingeführt werden.

Reflektierte Erfahrungen

Ähnlich wie in den anderen Projektbeispielen entscheiden sich die Akteure für die Arbeit in einem Engagementfeld – hier die Theaterarbeit – und kümmern sich um professionelle Unterstützung und Begleitung. Sie erwerben neue Kompetenzen für ihr Engagement, das sich – wie in diesem Falle ganz deutlich wird – mit Ihrer Arbeit erweitert und vertieft. Sie werden nicht nur Spezialisten für das Theatermachen: Im Professionalisierungsprozess verändern sie sich auch selber und kommen zu einer anderen, aktiveren Lebenseinstellung.

Das hier intendierte prozess-orientierte Lernen erfordert allerdings ein hohesMaß an Flexibilität, Disziplin und Selbstorganisation. Im vorliegenden Fall ist es erfolgreich. Es vermittelt langjährig Arbeitslosen eine sinnvolle Beschäftigung und gibt den Beteiligten Kraft und Selbstvertrauen. Es zeigt darüber hinaus, wie brachliegendes Potenzial sinnvoll genutzt werden kann. Authentisch, geistreich und witzig verarbeitet dieGruppe Elemente ihrer Lebenssituation auf der Bühne. Das hat einen doppelten Effekt:

Die Frauen und Männer bewältigen individuell ihr Problem, arbeitslos zu sein und schaffen gleichzeitig ein neues Bild in der Öffentlichkeit, das nicht nur ihre individuelle Lage, sondern auch ganz allgemein die Probleme des Arbeitsmarktes und der Arbeitsmarktreform aus Sicht der Betroffenen zeigt. Ein solche Bild gelingt den herkömmlichen Medien nur selten. Bildungsarbeit trägt deshalb im vorliegenden Fall vorzüglich zur gesellschaftlichen Aufklärung bei.

 
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Engagementfeld Politisches Theater

Materialien und methodische Beispiele

Improvisation

Titel: Die spontane Talkrunde

Ziel: Emotionen ausdrücken und die Angst vor der Bühne überwinden.

Methode: Arbeit im Plenum/Großgruppe

Dauer: ca. 30 min, je nach Gruppengröße

Beschreibung:

  • Die Spieler sitzen im Kreis und diskutieren 10 Minuten zu einem vorgegebenen Thema. Beispiel: Ist Bio-Kost wirklich gesünder? Was fällt ihnen zum Thema Mode ein oder soll das Rauchen in öffentlichen Gebäuden abgeschafft werden?
  • Vorab erhalten die Mitwirkenden Moderationskarten auf denen Eigenschaften stehen, die sie in der Diskussion darstellen müssen. Die anderen TeilnehmerInnen wissen nicht, um welche Eigenschaften es sich handelt. Beispiele: überheblich, schüchtern, nervös, zaghaft, gelangweilt, vornehm, albern, ironisch, weinerlich, überzeugend
  • In der Auswertung erraten die Anderen, welche Eigenschaften dargestellt wurden

 
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Materialien und methodische Beispiele

Rhythmus

Titel: Feel the beat

Ziel: Rhythmusübung, die Körper und Geist synchronisiert und die rechte mit der linken Gehirnhälfte verbindet

Methode: Arbeit im Plenum/Großgruppe

Dauer: ca. 20 min

Beschreibung:

    Die TeilnehmerInnen stellen sich im Kreis auf und treten anschließend im Uhrzeigersinn vom linken auf den rechten Fuß. Wenn die Gruppe ihr Tempo gefunden hat, wird zu jedem Schritt geklatscht. Das ist der Beat. Anschließend wird versucht, zwischen den Schritten zu klatschen; Off-Beat
  • Fortgeschrittene Variante: Einzelne TeilnehmerInnen geben jeweils eigene Klatschrhythmen vor, die dann von allen im Kreis aufgenommen werden, ohne das Schritttempo zu verändern

 
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Engagementfeld Politisches Theater

Materialien und methodische Beispiele

Klassisches Theater

Titel: „Das Arbeitslos“

Ziel: Inhaltlich eine Szene vorbereiten, die die Arbeitsvermitt-lungssituation so realistisch wie möglich darstellt

Methode: Kleingruppenarbeit

Dauer: 2 Stunden

Beschreibung:

  • Kleingruppen erarbeiten folgende Fragen:
    1. Welche Anforderungen gibt es aus der Perspektive des Arbeitsvermittlers an den Arbeitslosen?
    2. Wie stellt sich die Situation aus der Perspektive des Arbeitslosen dar?
    3. Wie ist die emotionale Ebene für den Arbeitsvermittler?
    4. Wie ist die emotionale Ebene für den Arbeitslosen?
  • Die Ergebnisse werden dokumentiert, im Plenum präsentiert und durch die Erfahrung einzelner TeilnehmerInnen ergänzt
  • Aus den Ergebnissen werden im Anschluss die Szenen erarbeitet

 
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Materialien und methodische Beispiele

Interaktives Theater

Titel: Die Bremer Stadtmusikanten

Ziel: Bewusste Einbeziehung des Publikums vorbereiten

Methode: Szenische Lesung

Dauer: ca. 2 Stunden

Beschreibung:

  • Folgende Rollenverteilung wird geklärt:
    1. Wer liest die Szenen
    2. Wer ist an den Spielszenen beteiligt
    3. Wer von den Schauspielern ist im Publikum verteilt
  • Anschließend werden folgende Fragen geklärt: Welche Impulse geben wir ins Publikum, damit es sich beteiligt?
  • Wie leiten wir die Diskussion zu der Frage ein: Welche Chancen haben ältere ArbeitnehmerInnen auf dem Arbeitsmarkt?
  • Später: Welche Erfahrungen haben wir mit der Einbeziehung des Publikums gemacht?

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