Praxisfelder des bürgerschaftlichen Engagements VI
Bürgerradio. Wie Ältere zu LokalreporterInnen werden
Eine gewerkschaftliche Seniorengruppe aus Niedersachsen entdeckt für sich ein neues Engagementfeld – das Radio machen.
Ihrem Selbstverständnis nach sind die Gruppenmitglieder in der Arbeiterbewegung verwurzelt. Von daher verwundert es nicht, dass neue, aktuelle gesellschaftspolitische Entwicklungen diesen Kreis besonders interessieren. Insbesondere Themen wie Massenarbeitslosigkeit, Alter und demografische Entwicklung stehen im Fokus der Aufmerksamkeit und es gibt ein starkes Bedürfnis bürgerschaftlich und gemeinwohlorientiert aktiv und ehrenamtlich tätig zu sein. Dazu kommt die Neugier, neue Dinge zu lernen und das Gelernte auch gleich anzuwenden.
Eine bereits bestehende Kooperation mit dem Hannoverschen Lokalradio Flora gibt den Ausschlag, das Engagement auf die Radioarbeit zu lenken. Es entsteht bei den SeniorInnen die Idee, sich zu gewerkschaftlichen LokalreporterInnen ausbilden zu lassen.
Mit dem Erwerb journalistischer Fähigkeiten und der Aneignung von Medienkompetenz haben die SeniorInnen gleichzeitig die Möglichkeit, sich mit aktuellen interessanten Themen auseinander zu setzen, sich eineMeinung zu bilden und diese via Radiosendung in die Öffentlichkeit zu bringen.
Inhaltliche Schwerpunkte
Bevor die erste Hörfunksendung ausgestrahlt werden kann, lernen die SeniorInnen das Handwerkzeug kennen und einzusetzen, das ein Radio-Journalist benötigt, um seine Arbeit professionell zu tun. Sie erwerben Kenntnisse wichtiger journalistischer Fähigkeiten wie:
- Radiosprache
- Schreiben fürs Hören
- Moderation
- Nachricht/Meldung
- Bericht bzw. gebauter Beitrag
- Interview/Reportage/Feature
- Atem- und Sprechtraining
- Aufnahmeeinheit/digitaler Schnitt/Sendeprotokoll
Wesentlicher Bestandteil des Moduls ist die praktische Umsetzung: Das Konzipieren, Recherchieren, Produzieren und Bearbeiten eigener Radio-Beiträge, die anschließend im Lokalradio gesendet werden.
Wachsende Erfahrungen und Praxis machen die SeniorInnen bekannt und ermöglichen es, weitere Interessierte anzusprechen. Die Teilnehmenden vermitteln ihre mittlerweile profunden Radio- und Medienkompetenzen weiter und tragen so nicht nur zu Erweiterung sondern selber auch zur Professionalisierung des Redaktionsteams bei.
Didaktischer Kommentar
- Die Qualifizierung umfasst einen Fortbildungsprozess von ungefähr zwei Jahren.
- Der Einstieg erfolgt durch mehrere ein - bis zweitägigeWorkshops zu den fachlichen Elementen, die für die Radioarbeit nötig sind.
- Darüber hinaus findet jede Woche eine Redaktionssitzung in den Räumlichkeiten von Radio Flora statt. Dort wird der Umgang mit den technischen Geräten vertieft und geübt.
- Die Qualifikations- und Praxisphase wird von einem erfahrenen Journalisten begleitet.
- Es wird eine eigene Redaktion gegründet: Senioren für Flora: SenF.
- Nach Beendigung der Qualifikationsphase wird eine Radio-Sendung im Monat ausgestrahlt; an jedem 4. Donnerstag zu einer guten Sendezeit um 18:30 Uhr.
- Insgesamt werden im Laufe des MoQua-Projekts 20 Hörfunkbeiträge produziert und gesendet.
- Empfang über UKW 106.5 Kabel 102.15 und im Internet digital über die Homepage www.Radioflora.de.
Reflektierte Erfahrungen
Insgesamt 10 SeniorInnen haben kontinuierlich an der Qualifikation und praktischen Umsetzung der Radioarbeit teilgenommen.
Die ausgestrahlten Sendungen sind inhaltlich von guter Qualität. Die TeilnehmerInnen können unter Zeitdruck recherchieren, Hörfunkbeiträge konzipieren, technisch bearbeiten und in eigener Regie senden.
Alles deutet darauf hin, dass sie sich auch künftig weiter ehrenamtlich für SenF engagieren und so den Fortbestand der Redaktionsarbeit sichern. Darüber hinaus werden sie versuchen neue MitarbeiterInnen zu gewinnen.
MoQua hat den SeniorInnen die Bedeutung von Weiterbildung für eine aktive bürgerschaftliche Arbeit vermittelt und sie außerdem motiviert und qualifiziert. So wird ein Stück Medienlandschaft aktiv und inhaltlich von ihnen mitgestaltet.
Stolz und mit Freude nehmen die TeilnehmerInnen ihre Zertifikate über die erworbenen Kompetenzen auf einer öffentlichen Veranstaltung entgegen. Diese Form der Wertschätzung erfüllt ihr Bedürfnis nach Aktivität, Anerkennung, Wertschätzung und Beteiligung.
Engagementfeld Bürgerradio
Materialien und methodische Beispiele
Journalistisches Handwerkszeug
Titel: Das 1 x 1 des Radio-Machens
Ziel: Alle wichtigen Bausteine des Radio-Journalismusselbstständig erarbeiten und für künftige Radio-Sendungen nutzen können
Methode: Kleingruppenarbeit, Plenum, In-Put von Journalisten, Wandzeitung, Kartenabfrage, Feed-Back
Dauer: 2,5 bis 3 Stunden pro Baustein
Beschreibung:
- Die wesentlichen Elemente des journalistischen
Handwerkszeug werden zunächst in Kleingruppen erarbeitet: Für jeden Baustein gibt es eine
Arbeitsgruppe, also insgesamt sechs Gruppen:
die Moderation,
die Nachricht/Meldung
der Bericht/gebaute Beitrag
das Interview
die Reportage
das Feature - Zur selbstständigen Erarbeitung gibt es jeweils vier Fragen: Siehe dazu: die Moderation
- Wenn der jeweilige Baustein als Leitfaden vorliegt, schreibt jede Gruppe einen entsprechenden Probebeitrag zu einem aktuellen, vorgegebenen Thema. Ca 20 min
- Alle Beiträge werden im Plenum präsentiert und die anderen Gruppenmitglieder geben Feed-Back
Engagementfeld Bürgerradio
Materialien und methodische Beispiele
Die Moderation:
Titel: Wir geben unseren SENF dazu.
Ziel: Wesentliche Elemente der Moderation erkennen und für die weitere journalistische Arbeit nutzen.
Methode: Kleingruppenarbeit, In-Put von Journalisten, Plenum, Wandzeitung
Dauer: 2 Stunden
Beschreibung:
- Die Kleingruppen erarbeiten die nebenstehenden Fragen und dokumentieren sie auf Metaplankarten. Ca. 20 min
- Im Plenum werden die Arbeitsgruppenergebnisse auf der Pin-Wand präsentiert; jede nachfolgende Gruppe ergänzt lediglich die noch nicht genannte Punkte
- Der Journalist ergänzt mögliche fehlende Informationen
- Anschließend werden alle Elemente auf einer Wandzeitung dokumentiert mit dem Titel: Der Leitfaden für die gelungene Moderation. Wenn möglich, die Wandzeitung im Raum hängen lassen, so dass sie jederzeit genutzt werden kann
Materialien und methodische Beispiele
Die Redaktions-Sitzung
Titel: Vom Chaos in die Ordnung
Ziel: Die Team-Sitzungen in der Redaktion organisieren
Methode: Plenum, Wandzeitung, ModeratorIn
Dauer: 20 bis 30 min
Beschreibung:
- Zu Beginn der Sitzung notiert die ModeratorIn alle anfallenden Aufgaben stichwortartig auf Flip-Chart, die von allen Teammitgliedern auf Zuruf erfolgen
- Anschließend werden die wichtigsten und dringendsten Aufgaben - per Punkte kleben – ausgewählt. (maximal 3 Punkte pro Teammitglied)
- Im nächsten Schritt erstellt die ModeratorIn eine Wandzeitungstabelle mit den Titeln:
- WER MACHT WAS BIS WANN
- Gemeinsam legt das Team fest, wer welche Aufgaben bis wann übernimmt und dokumentiert die Ergebnisse in der Wandzeitungstabelle
- Das Wandzeitungsprotokoll bleibt sichtbar im Raum hängen. Zu Beginn der nächsten Redaktionssitzung wird überprüft, ob alle Aufgaben erledigt sind. Unerledigte Aufgaben werden ins neue, aktuelle Wandzeitungsprotokoll übernommen
Engagementfeld Bürgerradio
Checkliste
Hörfunkinterview:
- Technik checken: Aufnahmegerät o. k.? Aussteuerung je nach Umgebung Limiter oder Automatik; kein Dolby; Richtmikrofon benutzen und Aufnahmekabel einmal um die Hand wickeln; Mikrofon in 20 cm Abstand selbst und zum Gesprächspartner halten
- Ruhigen Platz suchen; Atmosphäre im Hintergrund stört beim Interview fast (!) immer; Raumwahl: besser kleine Räume (kein Hall), keine Neonröhren, keine eingeschaltete Klimaanlage, Fenster zu, Handy aus
- Draußen dringend Poppschutz (Schaumstoffkugel) aufs Mikro, sonst gibt es Windgeräusche
- Mental auf hohe Konzentration einstellen
- Zwischen Vorgespräch und Einschalten des Aufnahmegerätes erfolgt Bruch der Kommunikation
- Gesprächsführung nie aus der Hand geben, also auch das Mikro nicht; besonders bei ungeübten Interviewpartnern, die zu langen Statements neigen.
- Sprechdisziplin wahren: keine äh’s, mmh’s etc., und auch keine zustimmenden jaa’s, achso’s, aha’s.
- Wenn möglich Interviewpartner nicht ins Wort fallen, läßt sich schwer schneiden.
- Fragen gut formuliert, einfach, klar und präzise stellen. Eigene Fragen nicht nachher rausschneiden und im Studio neu sprechen, das hört man/frau.
- Auch für den Gesprächspartner gilt: kein Papierrascheln, auf den Tisch klopfen etc.
- Besonders bei Spontan-Interviews häufiges Problem: Während der Antwort des Befragten überlegt man bereits die nächste Frage und hört dabei nicht zu, d. h. Nachfragen und Nachhaken entfällt.
- Eine Besonderheit sind Interviews für den gebauten Beitrag ( z. B. nach einer PK), die Fragen müssen nicht ins Mikro gesprochen werden, aber auch so formuliert sein, daß die Antworten in sich schlüssig sind.
- Immer authentisch bleiben, fair und präzis.
- Reines Faktenabfragen ist kein gutes Interview, sondern zeigt nur journalistische Faulheit bei der Recherche. Für die reine Fakten- Vermittlung gibt es bessere Beitragsformen wie die Nachricht oder den Bericht.
- Das Persönlichkeitsrecht des Befragten wahren. „Nicht unter die Gürtellinie zielen“.
Materialien und methodische Beispiele
Das Interview
Titel: Das professionelle Hörfunk-Interview
Ziel: TeilnehmerInnen können eigenständig ein sendefähiges Hörfunk-Interview konzipieren und durchführen
Methode: Input, Arbeitsgruppen
Dauer: 2 bis 2,5 Stunden
Beschreibung:
- Es werden fünf mögliche Hörfunk- Interview-
Situationen vorgestellt:
1. Live Interview/ vorproduziertes Interview
2. Telefoninterview/direktes Interview
3. Vorbereitetes Interview
4. Studiogespräch: ein oder mehrere Personen
5. Porträtierendes Interview, Streitgespräch, Kreuzfeuer - Die TeilnehmerInnen erarbeiten in Kleingruppen einen Interview-Leitfaden, dokumentieren ihre Ergebnisse und präsentieren sie anschließend im Plenum
- Der Journalist ergänzt mögliche fehlende Aspekte
Engagementfeld Bürgerradio
Materialien und methodische Beispiele
Themenbeispiele Radio-Gruppe: „SENF“
Themen und Beiträge ( ohne An- und Abmoderation):
- EU-Verfassung (Umfrage) (2:47)
- Interview Rebecca Harms (B90/Grüne) auf DGB-Neujahrsempfang
- Geschichte Gewerkschaften zum 1. Mai (Bericht) (3:00)
- Bedeutung 1. Mai (Umfrage) (2 Teile 3:33 + 1:31)
- Brüssel-Demo zu Globalisierung und Neoliberalismus (Reportage) (12:33)
- Proteste Continental AG auf Aktionärsvers. (geb. Beitrag) ( 2 Teile 7:51 +
- Gemischtes Jugend-Rugby NTV05 (geb. Beitrag) (4:27)
- Biosphaerenreservat Elbtalaue (Interview) (4:16)
- Gert Andres, Parl. Staatssekretär Bundeswirtschaftsmin., (Interview)
- Die VW-Affäre (Kommentar) (2:17)
- Seniorenbeirat der Stadt Hannover (Interview) Zusammenlegung der Rentenversicherungen ab 1.10. (geb. Beitrag)
- Wahlnachlese durch Koschnik (Int. ehemaliger Bürgermeister Bremen)
- ver.di + Atomausstieg (Int. Wolfgang Denia; ver.di Landesvors. Nieders.- Bremen) (8:33)
- Kloster Loccum O-Töne: Lieselotte Kahle ( Küsterin Kloster-Loccum) (3:13)
- Kommentar Kinderarmut (2:17) - Personalversammlung Stadtverwaltung (2:50)
- Rosa Luxemburg (Demo Rosa Luxemburg / Karl Liebknecht Berlin 15.01.06
- Holocoust-Gedenktag (Textauszug aus Lanzmann-Buch + Film „Shoa“) (6:08)
- Sondersendung 1 Jahr SenF Studiogespräch Teil 1: Was ist MoQua? - Projekte bundesweit u. in Hannover (Gäste: Barbara Menke (MoQua-Koordinatorin Arbeit & Leben; Wuppertal); Fred-Uwe Schulz (ehemaliger DGB-Bezirksvorsitzender) Studiogespräch Teil 3: MoQua- Projekt radio flora (Gäste: Reinhard Töneböhn (Projektbetreuung radio flora); Charlotte Lampe u. Wolf-Dieter Horstmann (Redaktion SenF radio flora) 7:13)
- Die Gewerkschaftsbewegung (Beitrag zu Wolfgang Abendroth; O-Töne: Hans- Jürgen Urban (IG Metall) u. Sibylle Stamm (ver.di) (7:02)
- Bilanz 3 Jahre MoQua; Int. Theo W. Länge (Bundesgeschäftsführer Arbeit & Leben )
- Senior Scherf; (Int: Henning Scherf (SPD + ver.di; Ex-Bürgermeister von Bremen); (4:58)
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