Praxisfelder des bürgerschaftlichen Engagements II

Stadtteilorientierte Projektentwickler – Wie Ältere ihren Stadtteil verändern

Auf der Grundlage eines offen ausgeschriebenen Angebotes zur Teilnahme an den Basismodulen entwickelte sich innerhalb der Teilnehmendengruppe eine intensive Diskussion über ihre Wohn- und Lebenssituation in der Stadt Merseburg. Berichtet wurde über zahlreiche große und kleine Probleme in den verschiedenen Stadtteilen. Dabei kristallisierte sich heraus, dass die Teilnehmenden als Bürgerund EinwohnerInnen nur verschwindend geringes Vertrauen in die herkömmlichen Formen der von den Parteien getragenen Kommunalpolitik und in deren Problemlösekompetenz setzten. Die Kritik fokussierte sich darauf, dass die Probleme zu spät identifiziert würden, die Verfahren zur Bearbeitung zu lang und zu bürokratisch seien und sich in zahlreichen Fällen die Lösungen nicht unmittelbar an den Alltagsnotwendigkeiten der Bewohner und Bewohnerinnen orientierten.

Diese Problembeschreibung war Anlass für den Bildungsträger ARBEIT UND LEBEN nicht bei der Pauschalkritik über das, was die Politik nicht leisten kann, stehen zu bleiben, sondern der Frage nachzugehen, wie die Betroffenen über das Medium der Weiterbildung ihre Anliegen selbst reflektieren und kommunizieren, was sie eigenständig beitragen können, damit aufgetretene Probleme vor Ort zeitnah und bewohnerorientiert gelöst werden. Die Motivation, durch Weiterbildung zu mehr Engagement zu kommen, erwuchs für diese speziellen Teilnehmenden aus der starken Identifikation mit dem eigenen Stadtteil und aus dem Interesse an einer höheren Wohn- und Lebensqualität im Nahbereich.

Zusammengesetzt hat sich die Gruppe der Aktiven aus Personen, die Mitglieder des ortsansässigen Seniorenkollegs waren, aus Teilnehmenden von AL -Veranstaltungen sowie aus aktiven Einzelpersonen der verschiedenen örtlichen Gewerkschaftsorganisationen.

Ziel der Weiterbildung war es:

  • Über gezielte Partizipation Veränderung im unmittelbaren Nahbereich der älteren Aktiven zu initiieren und durchzuführen.
  • Die Entwicklung von Selbstorganisation im Bereich dieses bürgerschaftlichen Engagements voran zu bringen.
  • Die Vernetzung der Aktivitäten engagementbereiter Älterer zu unterstützen.
  • Die Schaffung neuer und informeller Lernwelten für ältere Menschen in den Stadtteilen zu entwickeln.
  • Über diesen Zugang neue Zielgruppen für das bürgerschaftliche Engagement zu gewinnen.

Auf der Inhaltsebene umfasste die Weiterbildung die Vermittlung zusätzlichenWissens über kommunalpolitische Zusammenhänge, die Analyse von Problemen in den Stadtteilen, die Entwicklung von Projektideen und Lösungsstrategien sowie die Werbung für selbstbestimmte und vernetzte Arbeitsformen in diesen Feldern.

In einem ersten Arbeitsschritt bewerteten die Teilnehmenden, ausgehend von ihren Alltagserfahrungen und -eindrücken Lebens- und Wohnqualität, Kultur- und Sozialangebote in ihren Stadtteilen und tauschten sich darüber aus. Im Anschluss daran wurden Problemlagen identifiziert, Veränderungsnotwendigkeiten beschrieben und Lösungsansätze diskutiert. Als spezielle Probleme wurden beispielhaft genannt:

  • Integration der Russlanddeutschen in die Stadtteile,
  • Nahverkehrsystem in den Stadtteilen,
  • Belebung des Einzelhandels

Nach der Identifikation der inhaltlichen Problemfelder wurde in einem moderierten Schritt erörtert, welche der genannten Bereiche für die Gruppe bearbeitungsfähig erschienen und wie die Bearbeitung angegangen werden sollte. Dabei stand zunächst auch die Frage der Infrastruktur des Engagementfeldes zur Debatte. Diskutiert wurde hier über die Möglichkeit des Aufbaus von neuen selbstorganisierten Gruppen bzw. einer Anlaufstelle für das bürgerschaftliche Engagement im Stadtteil etc..

Im Rahmen der moderierten Arbeitsphase wurden systematisch die Bereiche Identifizierung des Problems, Formulierung des Problems, Charakterisierung und Entwicklung von Problemlösungsstrategien unterschieden und strukturiert festgehalten und in einem weiteren Schritt in einen Arbeitsplan umgesetzt. Die einzelnen Schritte wurden dabei konsequent visualisiert und für die verschiedenen Teilnehmenden wurden Aufgaben bzw. Rollen festgelegt, die in Einzel- oderGruppenarbeit realisiert werden konnten. Dazu wurden klassische Methoden der Projektarbeit bzw. des Projektmanagements angewendet.

Verbunden war diese Arbeitsphase mit dem Auftrag an die Kleingruppen, einen Kurzvortrag mit Visualisierung ihrer jeweiligen Themenbereiche zu entwickeln und im Plenum vorzustellen. Die präsentierten Lösungsvorschläge wurden dann – nach der Plenumsdiskussion und der Aufnahme von Anregungen – in so genannten Teamsitzungen von der Gruppe weiter bearbeitet und in konkrete Handlungsschritte umgesetzt. Das Augenmerk bei der Bewertung zielte in diesem Zusammenhang auf Aspekte wie:

  • Realitätsnähe
  • Einsatz der vorhandenen Ressourcen
  • Kontrolle der Ergebnissicherung
  • Teamarbeit und Vernetzung mit Partnern.

Nach diesem Arbeitsschritt wurde gemeinsam mit dem Prozessmoderator erörtert, welche vielfältigen strukturellen Ressourcen darüber hinaus noch im Stadtteil vorhanden sind, mit welchen der dort ansässigen Interessengruppen ( z.B. Handel, Kirchen ) man partiell zusammenarbeiten könnte und wo sich Möglichkeiten für Synergieeffekte ergeben könnten.

Die Erstellung der Arbeitspläne und Erarbeitung von konkreten Bearbeitungsund Lösungsvorschlägen erfolgte in der Regel unter Einbeziehung von regionalen ExpertInnen, die ihr spezifisches Fachwissen zur Verfügung stellten, um zu machbaren und allseits akzeptierten Lösungen zu kommen. In der Spannbreite sind diese ExpertInnen gewesen: der Oberbürgermeister, die ortsansässige Seniorenvertretung, Mitglieder des Stadtrats, die Wohlfahrtsverbände.

Reflektierte Erfahrungen

Hilfreich für den Erfolg des Moduls war, dass die Teilnehmenden über das Medium von Bildung und Qualifizierung erleben konnten, dass sich durch ihre gezielte, vor allem gemeinsame Aktivität Dinge und Verhältnisse im ihrem unmittelbaren Lebensbereich zum Guten verändern können. Dies stärkte das Gefühl der Selbstwirksamkeit, band diese Selbstwirksamkeit an das Kriterium der Solidarität und erhöhte gleichzeitig die Bildungsmotivation, weil Lernen als Möglichkeit der konkreten Problemlösung und Lebensbewältigung erfahren wurde.Die Auseinandersetzung mit Formen und Möglichkeiten des Engagements und die bereichernde Erfahrung der Zusammenarbeit für eine gute Sache unterstützten noch die Motivation, selbst aktiv zu werden. Horizont erweiternd war es überdies, in den Gruppen Personen aus unterschiedlichen Kontexten zusammen zu bringen. Damit wurden auch neue, andere und kreative Potenziale freigesetzt.

Insgesamt stellte das Vorgehen große Herausforderungen an die einzelnen Beteiligten. Verbindliche Absprachen auch auf freiwilliger Basis einzuhalten, andere Interessenshorizonte sensibel einzubeziehen, zielgerichtetes rationales Vorgehen zu üben, war für die Teilnehmenden nicht immer leicht und auch eine Disziplinierungsleistung. All das musste daher im Laufe des Lern-, Arbeits- und Handlungsprozesses immer wieder thematisiert werden.

Trotzdem hat sich die geschilderte Arbeit in Merseburg ausgesprochen erfolgreich entwickelt. Entstanden sind im Verlaufe des skizzierten Prozesses u. a.:

  • eine selbstorganisierte Frauengruppe, die aus russlanddeutschen und einheimischen Frauen besteht und sich kontinuierlich trifft, um über Fragen der Integration sowie des Umgangs im Stadtteil miteinander spricht. Diese Initiative hat sich im Laufe der Projektzeit weiterentwickelt und daraus entstanden sind:
  • zwei eingetragene Vereine, die sich als Interessenvertretung der Russland- Deutschen in Merseburg verstehen,
  • ein „Selbstlernzentrum“, in dem insgesamt 16 Personen aktiv sind – angebunden an das Haus am Rossmarkt. Dieses Zentrum beschäftigt sich mit der Vermittlung der deutschen Sprachen für die zugewanderten EinwohnerInnen und hält darüber hinaus für Interessierte verschiedene Lernmöglichkeiten im Rahmen des bürgerschaftlichen Engagements bereit,

der so genannte „Rossmarkt-Tag“, der einmal jährlich alle Initiativen mit ihren Aktivitäten zusammenführt, wobei auch versucht wird, mit Betroffenen und Interessierten ins Gespräch zu kommen und sie für die Arbeit in den unterschiedlichen Engagementfeldern zu werben.

Aufs Ganze gesehen hat die handlungsorientierte Weiterbildungsarbeit zu einer nachhaltigen Lern- und Verhaltensänderung bei den Beteiligten geführt und darüber hinaus dem stadtteilbezogenen bürgerschaftlichen Engagement in Merseburg neue Kräfte und Potenziale zugeführt.

 
zum Seitenanfang

Engagementfeld Stadtteilorientierte Projektentwickler

Materialien und methodische Beispiele

Stadtteilorientierte Projektentwicklung

Titel: Aktiv den Stadtteil beleben

Ziel: Eine Bestandsaufnahme im eigenen Lebensumfeld machen

Methode: Matrix, Plenum, Bewertungspunkte

Dauer: 2,5 Stunden

Beschreibung:

Vorbereitete Matrix, die folgende Punkte enthält:

  1. Beteiligte Stadtteile stehen auf linker vertikaler Achse
  2. Auf der horizontalen Achse sind folgende Kriterien:
    Lebensqualität
    Wohnqualität
    Kulturangebot
    Soziale Angebote
  • Die TeilnehmerInnen geben jedem Punkt in ihrem Stadtteil eine Note von 1 – 6
  • Wenn das für alle erfolgt ist, wird der Mittelwert genommen. Analoges der Problemfelder
  • Austausch über die Beschreibung, die sich aus der Matrix ergibt Materialien und methodische Beispiele

 
zum Seitenanfang

Engagementfeld Stadtteilorientierte Projektentwickler

Materialien und methodische Beispiele

In unserer Stadt ändert sich was

Titel: Unser Stadtteil wird lebenswerter

Ziel: bestehende, heterogene Entscheidungsstrukturen aufzeigen und Wirkungszusammenhänge erkennen

Methode: Planspiel, Kleingruppenarbeit, Plenum

Dauer: 2 bis 3 Stunden

Beschreibung:

  • Kleingruppen werden entsprechend der Anzahl der Akteure gebildet. Beispielsweise Bürgermeister, Stadtrat, Partei x, Partei y, Bürgerinitiative, Wirtschaftsvertreter, Presse, andere
  • Jede Gruppe erarbeitet eine Position zu einer aktuellen Problemsituation in der Stadt. Beispiel: Russlanddeutsche in unserer Stadt und bereitet sich auf das Planspiel vor. 30-45 min
  • Jede Gruppe erhält einen Standort im Raum. Per Los wird entschieden, welche Gruppe beginnt. Die Gruppe sucht sich eine Gruppe aus, die sie mit ihrem Anliegen konfrontiert
  • Diese reagiert darauf. Pro Gruppenbegegnung maximal 5 bis 7 min. und sucht Kontakt mit der nächsten Gruppe, die sie mit ihrer Sichtweise und möglicherweise neuen Erkenntnissen konfrontiert
  • Wenn sich alle Gruppen geäußert haben gibt es eine Schlussrunde, in der jede TeilnehmerIn sagt, welche Erkenntnisse sie gewonnen hat und was diese für zukünftige Aktionen bedeuten

 
zum Seitenanfang

Engagementfeld Stadtteilorientierte Projektentwickler

Materialien und methodische Beispiele

Wandel im Stadtteil

Titel: Die Idee umsetzen!

Ziel: Konkrete Schritte zur Umsetzung planen und vereinbaren

Methoden: Gruppenarbeit

Dauer: 1,5 Stunden

Beschreibung:

Die Gruppen legen nach dem Prinzip der W-Fragen ( wer macht was bis wann) fest, welche Aufgaben in einem definierten Zeitrahmen erledigt werden müssen

Die Gruppen verständigen sich darauf, welche Personen für die jeweiligen Aufgaben zuständig sind

Termine für einen Austausch über die Arbeitsergebnisse und Erfahrungen werden festgelegt

Das Gesamtergebnis wird auf einen Wandzeitung festgehalten und im Plenum vorgestellt Die ModeratorIngibt ggf. noch Hinweise zur Umsetzung und organisiert in den Gruppen –je nach Notwendigkeit –weiteren Beratungsbedarf

Vereinbarung über ein weiteres Treffen der Gesamtgruppe nach einer Phase der Selbstorganisation

 
zum Seitenanfang

Engagementfeld Stadtteilorientierte Projektentwickler

Materialien und methodische Beispiele

Projektentwicklung- und Management

Titel: Wie wir unsere Idee auf den Weg bringen!

Ziel: Methoden des Projektmanagements für das eigeneEngagementfeld nutzen

Methoden: Input/ Präsentation, Arbeit in Kleingruppen, Plenum

Dauer: 1/2Tag

Beschreibung:

  • Vortrag zu den sechs Grundregeln der Projektentwicklung und des Managements
  • Austausch im Kreisgespräch darüber, ob dieses Verfahren auf die gewählten „Stadtteilprojekte“ übertragbar ist
  • Kleingruppen nach den jeweiligen „Vorhaben“: Bearbeitung der ersten vier Fragen
  • Vorstellung im Plenum und Vereinbarung weiterer Arbeitsschritte
  • Die Aspekte „Durchführung“ und „Auswertung“ werden zu einem späteren Zeitpunkt bearbeitet.
  • Als „Orientierungsrahmen“ bleiben die 6 Grundfragen auf einem Plakat sichtbar und werden bei Bedarf wieder präsentiert

MoQua Praxisfeld 2 als PDF herunterladen

 
zum Seitenanfang