Basiswissen IV
Orte des bürgerschaftlichen Engagements. Strukturen – Akteure – Inhalte lokaler Seniorenarbeit
Problemaufriss
Bürgerschaftliches Engagement findet für gewöhnlich vor Ort, also im Nahbereich statt. Gleiches gilt für die Seniorenarbeit. Wer sich als älterer Mensch engagieren will, tut das in der Regel an seinemWohnort oder im Stadtteil. Um hier „andocken“ zu können, muss er allerdings wissen, was es an vorhandenen Strukturen gibt. Die grundlegende Idee des vorliegenden Moduls zielt mithin auf den lokalen Raum. Das Modul ist bemüht, dafür verallgemeinerbares Wissen bereit zu stellen, an das konkret angeknüpft werden kann: Welche bürgerschaftlichen Initiativen gibt es im lokalen Raum? Welche Rolle spielt die Seniorenarbeit in diesem Zusammenhang? Was prägt normaler Weise eine „lokale Landschaft“? Welche Akteure bevölkern sie für gewöhnlich? Das sind einige der erkenntnisleitenden Fragen. Traditionell haben Kirchen, Parteien, Gewerkschaften und Wohlfahrtsverbände ihren Platz in den lokalen Initiativen – und Seniorenarbeit behalten. Sie teilen sich das Feld jedoch zunehmend mit neuen, interessenbezogenen oder auf spezielle Zielgruppen abgestellten Gruppen, Initiativen und Organisationen. Diese Veränderung ist nicht zuletzt das Ergebnis der sich deutlich wandelnden Motivlagen älterer Männern und Frauen, aber auch der Lebens -und Problemsituation Älterer.
Die Heterogenität der Gruppe älterer Menschen wächst und ist Ausgangspunkt für diese vorhandene lokale Vielfalt von Anbietern, Angeboten und Arbeitsformen in der lokalen Seniorenarbeit. Selbstorganisation, Selbstverwirklichung und Selbstbestimmung sind zunehmend wichtiger werdende Kriterien für ältere Menschen bei der Auswahl eines Anbieters. Mitwirkungsmöglichkeiten, Kreativität, Klima in der Organisation und das Bild in der Öffentlichkeit haben Einfluss auf diese Entscheidung. Das sind die „Rahmenbedingungen“ für eine erfolgreiche Gewinnung von Interessenten. Gängige Praxis ist mittlerweile, dass sich Seniorinnen und Senioren nicht auf einen Akteur festlegen wollen, sondern unter Berücksichtigung eigener Interessen und Bedürfnisse „Aktive“ oder/und „Konsumenten“ sind. Aus dem lokalen Raum wird in dieser Hinsicht so etwas wie ein soziokultureller Markt, zunehmend interessant für die wachsende Gruppe Älterer, die sich engagieren wollen. Für neue Strukturen (Gruppen, Initiativen, Projekte) ist es wichtig, diesen Markt zu kennen, um den eigenen Platz darin zu finden und zu behaupten. Die Praxis zeigt jedoch, dass diese Orientierung nicht konfliktfrei verläuft. Verdrängungsabsichten und ein Konkurrieren um die Gruppe der „Interessenten“ verstellt häufig den Blick für ein kooperatives Miteinander, für Ressourcenteilung und Synergie, die auch verbesserte Chancen bei Förderanträgen an die Öffentliche Hand bringen würden. Deshalb wird Vernetzung zunehmend zu einem Qualitätsmerkmal gut funktionierender Gemeinwesenarbeit. Sie ist eine sinnvolle und wirksame Überlebens -und Wachstumsstrategie gerade auch für Akteure der lokalen Seniorenarbeit.
Ein besonderes Merkmal der neuen Dimension von Seniorenarbeit ist die Verjüngung der angesprochenen Zielgruppen. Nachdem wir in der Vergangenheit den Schritt von 60+ und 55+ zu 50+ vollzogen hatten, ist heute die Arbeit mitMenschen ab der Lebensmitte (40 und 45+) keine Ausnahme mehr. Massenarbeitslosigkeit und massenhafte Frühverrentung haben diese „Rahmenbedingung“ geschaffen. Diese Vermischung von „Freigesetzten-Schicksal“ und Engagementmotivation ist für das Funktionieren von Gemeinwesenorganisationen zwar nicht unproblematisch, da sie die vorgängige Erwerbsarbeit, das damit verbundene Prestige bzw. und das damit verbundenen Selbstwertgefühle nicht in allen Fällen ganz ausgleichen können. Als Selbstorganisationsstrukturen zur Orientierungshilfe, als Brücke in den frühen Ruhestand bzw. in einen neuen Erwerbsabschnitt erfüllen sie jedoch einen sehr wichtigen Zweck. Die inhaltlichen Schwerpunkte und die Ansätze der Bildungsarbeit mit Älteren, zumal wenn sie vorzeitig ihren Arbeitsplatz verlassen mussten und sich nun bürgerschaftlich engagieren wollen, unterscheiden sich deshalb von der bisherigen klassischen Seniorenarbeit erheblich. Dazu trägt natürlich auch der allfällig zu beobachtende Mentalitätswandel dieser Zielgruppe bei. Deshalb kommen in diesem Modul vor allem teilnehmerorientierte, partizipative Arbeitsformen zur Anwendung.
Ziele
Mit der Seminargestaltung kommt es vor allem darauf an, die Rahmenbedingungen für die Entwicklung und Ausgestaltung von Seniorenarbeit im lokalen Raum erfahrbar zu machen. Die Breite und Vielfalt des sehr ausdifferenziertenMarktes (Träger von Einrichtungen und Organisationsstrukturen) ist oftmals sehr unübersichtlich und überschneidet sich in den Angebotsbereichen.
Mit dem Seminarmodul sollen die Trägervielfalt, Arbeitsansätze und die inhaltlichen Arbeitsfelder der Anbieter verdeutlicht werden. Gleichzeitig geht es um die Vermittlung von Kenntnissen über die Profil bestimmendenOrganisationen (z.B. Senioren-Büros, Ehrenamtsagenturen), deren Zielgruppen in der Seniorenarbeit und die grundlegenden Arbeitsformen in der lokalen Seniorenpraxis. Auf der Basis dieses erworbenen Wissens sowie der bereits vorhandenen Selbsterfahrungen sollen die Teilnehmenden bewerten, welchen Stellenwert die Seniorenarbeit der eigenen Organisation innerhalb dieser Gesamtpraxis hat. Methodisch sollen mit dem vorliegenden Modul Möglichkeiten der Mitgestaltung und Mitbestimmung (Partizipation) erarbeitet, beschrieben und dargestellt werden. Die Arbeit orientiert sich sehr stark an der eigenen Organisationspraxis und öffnet gleichzeitig den Blick für das kommunale Umfeld, mögliche Partnerschaften und neue Arbeitsfelder.
Die Seminarpraxis ist methodisch darauf abgestellt, dass Freiräume für gesammelte eigene Erfahrungen bestehen, die mit zusätzlichem Wissen angereichert zur Motivation und Teamfähigkeit der Beteiligten beitragen können.
Inhaltliche Schwerpunkte
- Lokale Akteure in der Seniorenarbeit
- Arbeitsformen und Zielgruppen
- Inhaltliche Schwerpunkte und Arbeitsfelder
- Organisationsformen
- Identität und Kooperation
- Die Teilnehmenden recherchieren im Internet unter der Fragestellung: Welche Träger bieten vor (oder in der Region) Aktivitäten für ältere Menschen an. Einzelarbeit oder in Gruppen ( je nach Ausstattung mit PC's)
- Festhalten der „Anbieter“ auf einem Flip-Chart
- Gesprächsrunde unter der Fragestellung: Welche Trägerstruktur für die Seniorenarbeit ist in unserer Stadt (Region) vorhanden?
- Kleingruppenarbeit zu der Frage: Lässt sich eine Struktur erkennen? Werden Profile deutlich?
- Festhalten der Ergebnisse in einem Protokoll
- Sport-und Bewegungsangebote
- Fremdsprachen
- Traditionsarbeit (Zeitzeugen,Heimatgeschichte)
- Kreative Angebote und Werkstätten
- intergenerative Arbeit
- Exkursionen u. Informationsfahrten
- Stadtteil-und Nachbarschaftsarbeit
- Feiern und Geselligkeit
- Migrationsarbeit
- Bildungsarbeit (alskomplexerBereich)
- Medienarbeit
- Kulturarbeit
- Ökologie
- InternationalerWissenstransfer
- soziale-medizinische-kulturelleSelbsthilfe
- politische Interessenvertretung
- Kommunalpolitik
- Die Teilnehmeden recherchieren in Kleingruppen zu der Fragestellung: Welche inhaltlichen Felder werden in der örtlichen (regionalen) Seniorenarbeit bearbeitet/angeboten?
- isualisieren der Ergebnisse auf eine Wandzeitung
- Gesprächsrunde: Welche Inhalte werden für Senioren angeboten? Welche potentiellen Engagementfelder ergeben sich ggf. daraus?
- Partnerarbeit: Wo ergeben sich Überschneidungen? Welche Möglichkeiten zur Zusammenarbeit und Vernetzung ergeben sich?
- Austausch im Plenum; Vereinbarung weiterer Arbeitsschritte
- Öffentliches Erscheinungsbild
- Organisationsprofil (privat, gemeinnützig, übergeordnete Institution, Anzahl der MitarbeiterInnen)
- Für welche Zielgruppen
- Mit welchen inhaltlichen Schwerpunkten
- Gibt es Themenschwerpunkte - Wenn ja, welche
- Ist erkennbar mit welchen Methoden in den Seminaren gearbeitet wird. Wenn ja, welche
- Wie ist das Organisationsklima, wenn bekannt
Didaktischer Kommentar
Das Seminarmodul setzt didaktisch an den vorhandenen Alltagserfahrungen der Teilnehmer an. Vor dem Hintergrund dieser Erfahrungen, deren Transparenz und einer selbstkritischen Bewertung war beabsichtigt, ausdrücklich den „Blick über den Tellerrand“ zu wagen.
Die Seminargestaltung zielt darauf ab, die Identität der Beteiligten mit ihrer Gruppe, ihrem Projekt oder ihrer Organisation zu stärken. Methodisch werden Arbeitsformen (Projektberichte, Projektfotos, Dokumentationen) eingesetzt, die ausdrücklich dazu beitragen, dass Gefühle wie Stolz auf die eigene Leistung, Anerkennung undWertschätzung in einer gemeinnützigen Struktur ausgedrückt werden können. Dabei nehmen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer sehr unterschiedliche Rollen ein. Insbesondere in den Arbeitsgruppenphasen werden diese Rollen bewusst eingesetzt. So wird neben der fachlichen Bearbeitung des ThemasWert darauf gelegt, dass einzelne Personen den sich vollziehenden Prozess in der Gruppe verfolgen, bewerten und vorstellen. Mit diesem didaktischen Hilfsmittel werden die Seminarteilnehmer in die Lage versetzt, den Gruppenprozess bewusst wahrzunehmen mit dem Ziel, diese Beobachtung eines Prozesses später auch im Engagementalltag der Organisation zur Anwendung zu bringen.
Reflektierte Erfahrungen
Im Rahmen dieses Moduls wird den Teilnehmerinnen und Teilnehmern Gelegenheit gegeben, ihre individuell bereits vorhandene Engagement-Erfahrung mit Seniorenarbeit auf dem Hintergrund professioneller Kriterien zu analysieren und zu reflektieren, sie an der Arbeit und der Erfahrung anderer Teilnehmender zu spiegeln und so einen Eindruck von der Vielfalt der Möglichkeiten in der Seniorenarbeit im lokalen Raum zu gewinnen. Aus diesen Arbeitsprozessen ergeben sich Anregungen, die in einer späteren Phase in kleine Projektideen umgesetzt werden. Diese Suchphasen und die kreative Umsetzung der Projektideen haben spürbar positive Wirkungen auf das Wir-Gefühl der Beteiligten.
Im Prozess der Seminararbeit können darüber hinaus vorhandeneDenkbarrieren und Fehleinschätzungen gegenüber „Konkurrenten am Markt“ deutlich reduziert werden. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang, dass Vernetzung als theoretisches Konstrukt den Beteiligten geläufig ist, deren Realisierung im Alltag aber immer wieder scheitert. Das Modul gibt insofern ganz praktisch die Möglichkeit, die Erwartungen an bzw. Befürchtungen vor Vernetzung und Kooperation zu reflektieren und daraus weiterführende Konsequenzen zu ziehen.
Basiswissen: Lokale Seniorenarbeit
Materialien und methodische Beispiele
Lokale Seniorenarbeit
Titel: Vielfalt der lokalen Seniorenarbeit
Ziel: Die unterschiedlichen Anbieter für die Seniorenarbeit vor Ort kennen lernen, auf dieser Basis reflektieren und einschätzen, wie die Trägerstruktur vor Ort aussieht
Methode: Internet-Recherche, Gesprächsrunde
Dauer: 1⁄2 Tag, oder Tagesveranstaltung
Beschreibung:
Basiswissen: Lokale Seniorenarbeit
Inhalte der Seniorenarbeit
Basiswissen: Lokale Seniorenarbeit
Inhalte der Seniorenarbeit
Titel: Programmangebote kritisch unter die Lupe genommen
Ziel: Vielfalt der Aktivitätsmöglichkeiten für ältere Menschen wahrnehmen
Methoden: Sichtung von Veranstaltungsprogrammen der verschiedenen Anbieter, Recherche mit Interviews bei den Trägern vor Ort, Internet-Recherche, Gesprächsrunde, Partnerarbeit
Dauer: 1⁄2 Tag, oder Tagesveranstaltung je nach Methode
Beschreibung:
Basiswissen: Lokale Seniorenarbeit
Checkliste
Tabellarische Übersicht
Träger x Träger y Träger
Materialien und methodische Beispiele
Träger und deren Angebote vor Ort
Titel: Wo bringe ich mich ein?
Ziel: Das Angebotsspektrum vor Ort übersichtlich darstellen und den aktuellen Bedürfnissen entsprechend nutzen
Methode: Auswertungstabelle, Arbeitsgruppen, Plenum
Dauer: 1 halber Seminartag
Beschreibung:
- Die Anzahl der lokalen Anbieter gibt die Anzahl der Arbeitgruppen vor: Pro Anbieter gibt es eine Arbeitsgruppe
- Aus dem bereits recherchierten Material, Programmen und eigenen Erfahrungen mit Anbietern schreibt jede Gruppe maximal drei Stichworte zu sechs (Auswahl)Kriterien, die identisch mit der Tabellenvertikalen sind, auf Metaplan-Karten
- Die Arbeitsergebnisse werden in die vorbereitete Tabelle übertragen und jede präsentierende Gruppe erweitert die Tabelle mit einem Anbieter und seinen Angeboten
- Am Ende gibt es eine Tabelle, die alle Anbieter mit wichtigen Merkmalen ihrer Organisation und ihres Programms in der tabellarischen Übersicht zeigt
- ilnehmerInnen lassen die Übersicht auf sich wirken.
- In der Auswertungsrunde beantwortet jede TeilnehmerIn die Frage, von welchem Träger sie sich potentiell angesprochen fühlt und warum
Basiswissen: Lokale Seniorenarbeit
Materialien und methodische Beispiele
Vernetzung ermöglichen
Titel: Blick über den Tellerrand
Ziel: Erkennen, welche Kooperations- undVernetzungsmöglichkeiten vorstellbar sind
Methoden: Metaplan, Gruppenarbeit
Dauer: 2 Stunden
Beschreibung:
- Sammlung der verschiedenen lokalen Gruppen auf Metaplankarten
- Kleingruppenarbeit zu den Fragen:
- Was hat bislang eine Kooperation verhindert?
- Wie können wir Kontakt mit anderen Gruppen aufnehmen?
- Präsentation der Ergebnisse und Vereinbarung nächster Umsetzungsschritte
Engagementfeld Vernetzte PR-Arbeit
Materialien und methodische Beispiele
Öffentlich werden!
Titel: Für die gemeinsame Sache werben
Ziel: Geeignete Formen für die Darstellung derVernetzung finden und umsetzen
Methode: Metaplan, PC-Arbeit, Gruppenarbeit
Dauer: Tagesveranstaltung oder Workshop
Beschreibung:
- Arbeitsgruppen zu den Themen
- Welche Werbeträger eignen sich für unser gemeinsames Netzwerk?
- Welche Inhalte wollen wir transportieren?
- Vorstellung und Diskussion der Vorschläge im Plenum
- Vorbereiten einer Entscheidung durch Bewertung (Punkte) der einzelnen Ideen
- Gesprächsrunde: Welcher Vorschlag ist für unsere Gruppe umsetzbar? (Entscheidung)
- Vereinbarung über die Aufgabenteilung und Umsetzungsschritte
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